Nach ihrer Operation im Spital war Frau M. vollkommen erschöpft. Die Ärztin hatte ihr deutlich gesagt, sie müsse sich schonen; und sie hatte ihr ausdrücklich verboten, während der kommenden Wochen mehr als fünf Kilogramm Gewicht zu heben. Das war allerdings leichter gesagt als getan – Frau M. ist alleinerziehend und lebt mit ihren drei Kindern im Alter von drei, fünf und sieben Jahren in einer Dreizimmerwohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses.
«Fälle wie diese sind typisch für die Menschen, die unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen», sagt Monika Lacher. Beim SRK Kanton Schaffhausen leitete sie in den letzten 18 Jahren bis zu ihrer Pensionierung Ende Oktober alle Bereiche des Entlastungsdienstes. Dieser gliedert sich in die beiden Hauptbereiche Kinderbetreuung zu Hause und Entlastung für betreuende Angehörige. Hinzu kommen noch der Besuchs- und Begleitdienst, der Besorgungsdienst und die Babysitter-Vermittlung.
«Die Nachfrage hat zugenommen»
In den letzten Jahren habe der Bedarf an diesen Entlastungsdienstleistungen deutlich zugenommen, sagt Monika Lacher rückblickend. Gestützt auf ihre Erfahrung nennt sie zwei Faktoren als Hauptursachen für die gestiegene Nachfrage – zum einen würden familiäre Netzwerke zunehmend fehlen, zum andern seien die Lebenssituationen mancher Menschen komplexer geworden: «Die Voraussetzungen sind schwieriger geworden in den letzten Jahren, weil sich halt auch die Gesellschaft verändert.»
Wie viel Betreuung die unterstützten Familien in Anspruch nähmen, sei sehr individuell, sagt Monika Lacher: «Eine Auswirkung der Globalisierung ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr dort leben, wo ihre Stammfamilie ist. Dann haben sie vielleicht auch keine Grosseltern, die noch einspringen könnten, und keine Freunde, weil sie frisch hier leben. In einer solchen Situation nehmen sie unsere Leistung entsprechend stärker in Anspruch.»
Aktuell würden sie im Kanton Schaffhausen insgesamt die Kinder von ungefähr 25 Familien regelmässig oder über einen längeren Zeitraum zu Hause betreuen, sagt sie. Die Kundschaft kontaktiere den Entlastungsdienst entweder selbstständig oder durch Sozialdienste, Hausärzte oder Schulsozialarbeitende, sagt Monika Lacher. «Gesamtschweizerisch liegen wir im Vergleich zu anderen Kantonalverbänden zahlenmässig etwa in der Mitte.» Allerdings sei der Vergleich nur bedingt aussagekräftig, weil zum Beispiel in der Westschweiz die Versorgung und Betreuung im Gesundheitsbereich teilweise anders gestaltet sind. Wie intensiv die Unterstützung im Kanton Schaffhausen in Anspruch genommen werde, richte sich flexibel an den Bedürfnissen der Familien aus. Beim Entlastungsdienst liege der Fokus oftmals auf Alleinerziehenden und auf Familien mit Migrationshintergrund: «Wir haben ausgesprochen viele Alleinerziehenden-Situationen – die Hälfte der Familien, die wir betreuen, sind alleinerziehende Mütter.»
«Auch Partner stehen in der Verantwortung»
Natürlich schaue man auch, ob diese Frauen einen Partner hätten und wie er sich unterstützend einbringen kann: «Kann er vielleicht sogar einmal am Arbeitsplatz eine Auszeit nehmen? Darf er früher Feierabend machen, oder kann er zwei Mittage freinehmen?» Oftmals würden die Partner durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung übernehmen: «Aber die sind natürlich häufig stark eingespannt und können beim Arbeitgeber nicht beliebig oft mit diesem Anliegen kommen.» Wenn alle Möglichkeiten aus dem Netzwerk und dem Umfeld der Familie ausgelotet seien, werde der Umfang des Angebotes des Entlastungsdienstes definiert: «Wir versuchen dann, so eine Art Puzzle zu machen.»
Hohe Ansprüche an die Mitarbeitenden
Der Einsatz in Familien sei eine bereichernde Arbeit und Erfahrung, stelle aber auch hohe Anforderungen an die Mitarbeitenden des Entlastungsdienstes, sagt Monika Lacher. «Unsere Mitarbeitenden sind fest angestellt, arbeiten auf Stundenbasis und müssen mi destens den Kurs ‹Pflegehelfende SRK› absolviert haben.» Wichtig sind praktische Erfahrung im Umgang mit Kindern und ein hoher Grad an Sozialkompetenz. Dazu zählt Monika Lacher auch kulturelle Sensibilität: «Wir müssen fähig sein, Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen offen und angemessen zu begegnen. » Auch sei der Anspruch an Qualifikation und Professionalität über die Jahre gestiegen: «Regelmässige Weiterbildung und Erfahrungsaustausch sind selbstverständlich.»
Text: Rolf Fehlmann
Bild: SRK Ruben Ung